Homo Ludens – Interview

Homo Ludens – Alexander Emanuely im Gespräch mit dem Bildhauer Arsene Vukov
30. August, Kamjanez-Podilskyj

 

Arseni Vukov zu treffen ist nicht gerade unkompliziert. In den letzten Jahren hat er Menschen, die ein Gespräch mit ihm gesucht haben, in der Schlucht von Kamjanez-Podilskyj getroffen. Auch ich wurde dorthin eingeladen. Treffen finden immer im
August statt, wenn die Tagestemperatur auf 40 Grad klettert. Am Ufer des Smotrytsch, meint der Künstler, 60 Meter unter der podolischen Platte, dort, wo es kühl und schattig ist, kann er am besten über seine Arbeit sprechen. Wobei er, wie er immer betont, eigentlich gar nicht über seine Arbeit sprechen will. Eher über Projekte, welche erst im Entstehen sind und ihm noch einige Schwierigkeiten bereiten. Mit mir wollte er ausschließlich über sein Denkmal für Vaida Voivod III., der 1960 Präsident der „World Community of Gypsies“ gewesen ist, sprechen.

Doch Arseni Vukov kreiert keine Denkmäler, sondern ephemere Skulpturen in der
Landschaft. Genau deshalb dürfte ihn auch der Sekretär der Nachfolgeorganisation der
„World Community of Gypsies“ für diese Arbeit ausgesucht haben, denn der Präsident ist
nicht nur Prediger für den Weltfrieden, sondern auch Prophet für eine Welt ohne Grenzen gewesen. „Aber meine Skulpturen sehen doch aus wie Grenzsteine“ – habe ich dem Sekretär gesagt.

„Ja, aber wie ephemere Grenzsteine“ –  hat dieser geantwortet. Das hat mich überredet…
Seit genau 12 Jahren arbeitet Arseni Vukov diesem Denkmal. Ca. 2000 Skulpuren, Entwürfe sind im Rahmen diese Projektes entstanden. Sie stehen Großteils in der Schlucht von Kamjanez-Podilskyj oder in Finnland, wo der Bildhauer sich bei Helsinki mit dem Preisgeld vom „Guinesss Stipendium Edinburgh“ ein kleines Holzhäuschen gekauft hat. „Es musste sein, es sah aus, wie eine Replik jener Datsche meines Ur-Großvaters bei Moskau, wo die Sommergäste geschrieben worden sind!“

Seit vier Jahren habe ich von der Nachfolgeorganisation der„World Community of Gypsies“ nichts mehr gehört. Das ist irritierend! Der alte Sekretär soll gekündigt haben und sein Nachfolger will nichts von einem Auftrag wissen. Ich mache trotzdem weiter und denke, dass ich einen Ort gefunden habe, wo das ephemere Denkmal stehen muss! Hier! In der Schlucht des Smotrytsch. Indem er das sagt, trägt er einen großen Stein aus dem bachartigen Fluß und wirft ihn mir zu Füßen.

Dann zerrt er einen sehr alt wirkenden Ziegelstein aus seinem Rücksack. Der Ziegelstein ist eigentümlich gelb und mit kyrillischen Lettern beschriftet. Arseni Vukov schlägt den Ziegel mit der ganzen Kraft, die ein Bildhauer haben kann, gegen den Stein. Der Ziegel zerbricht, Sand bröselt über den Stein. Ich fühle mich an das Monate dauernde Happening Arseni Vukovs von 1989 erinnert, als er als 21-jähriger Shooting Star, eine Art Ziegel-Basquiat oder Stein-Rimbaud, zwischen London und Edinburgh von jeder Brücke einen Ziegel auf die A1 Road geworfen hat. Die Polizei hatte über viele 100 Kilometer alle Zufahrten gesperrt. Die Autofahrerclubs hatten zu einer Art Aufstand aufgerufen. Auf den kleinen Landstraßen rollten ewig lange Autokolonnen voran, wobei niemand wußte, ob das Protestzüge oder einfach nur Staus gewesen sind. Und während die Blechlawine dahin kroch, dröhnte die Landschaft vom Hupkonzert der unzufriedenen Massen, während der Staub aufgeprallter Ziegelsteine die Fahrbahnen der Autobahn färbte. Natürlich ist die Aktion am Smotrytsch weniger spektakulär und Arseni Vukov inzwischen ein sehr alt wirkender, greisenhafter Mann in den mittleren Jahren. Dafür kommen alle Kinder, die im Fluß baden, zu uns gelaufen und schauen erstaunt und belustigt zu. Nach einigen Minuten ist alles vorbei und eine Skulptur steht vor mir, wie ich sie vom Künstler aus dem MoMA kenne.

Auf das MoMA angesprochen, wird Arseni Vukov ziemlich wütend und sagt: „Die haben nichts verstanden! Meine Arbeit hat nichts in einem Museum verloren! Das Museum hat höchsten was in meiner Arbeit zu suchen, im Magen meiner Phantasie, verdaut und verschwunden!“

Nach getaner Arbeit steigen wir in sein Auto und fahren die 60 Meter hohe Schlucht auf einer sehr schmalen Straße hoch, hinein in das Stadtzentrum, wo Arseni Vukov ein Lokal kennt, in dem man eine scharfe, dunkelrote, armenische Suppe bekommt. Es ist schon spät am Abend, ich sehe kaum etwas von der Stadt, die nur spärlich beleuchtet ist. Das Restaurant wirkt auf dem ersten Blick rustikal, nur, dass alles aus Plastik ist. Arseni Vukov sagte vergnügt: „Und so schmeckt auch die Suppe!“

Er bestellt gleich mehrere Portionen für uns zwei und wir warten. Die lange Zugfahrt, der mühsame Abstieg in die Schlucht haben das Ihre getan, ich bin todmüde, kaum in der Lage Fragen zu stellen. Doch scheint mein Zustand den Bildhauer erst recht gesprächig zu machen.

„Unten in der Schlucht haben die Leute nie ihr Handy mit. Ich habe dort schon
mehrere hundert Skulpturen errichtet, niemand hat sie fotografiert. Und das ist gut so. Und du bist ab heute der einzige Mensch neben mir, der das weiß und weiß, dass Vaida Voivod III. endlich sein Denkmal bekommen hat! Der Ziegelstein stammt übrigens aus Odessa.“

Arseni Vukov kaut zufrieden am weichen und von der Suppe rot verfärbten Zwiebel. „Weißt du, man vergleicht mich immer mit Arman, dabei hat das nichts mit ihm zu tun, was ich da mache! Kennst du Gilles Ivain? Und sein „Formular für einen neuen Urbanismus“ Kennst du New Babylon? Oder Johan Huizinga? Dass beschäftigt mich! Ich suche den Sonnentempel, überall suche ich ihn, versuche ich der Langeweile zu entkommen.“

Plötzlich verfällt er in eine Art Trance, schließt die Augen und rezitiert:"Die Königin hat den Seher, den Weiser, den Pilger, den Alten und den einäugigen Cyclopen gerufen, damit sie unter den Augen der Wächter die
Zukunft zu deuten versuchen.

Kurze Pause. Er schaut mich kurz an, leicht aufgewühlt und
fährt fort: „Autos in Beton gießen, oder Schiffe verbiegen, wie dieser Österreicher, das ist
nicht mein Zugang. Von meiner Arbeit bleibt nichts übrig, außer irgendwelche Leute mit Geld stehlen sie mir und schenken sie einem Museum. Außer irgendwer fotografiert was!“

Da unterbreche ich ihn. „Aber du hast ja selbst deine Arbeiten fotografiert, ich habe Zuhause mehrere Kataloge von dir. Zum Beispiel jener vom letzten Jahr, wo du Zigarrenzelte auf dem Ätna gebaut hast…“Und wieder wird er leicht wütend, schaut mich an, zuerst grimmig, dann belustigt „Ohne Fehler und Falschem wäre meine Arbeit wieder etwas mit Konsequenz. Und die Konsequenz ist das, was tötet. Die Schlucht von Kamjanez-Podilskyj ist Zeugin dieses Tötens. Weißt du, was hier Ende August 1941 passiert ist? In nur drei Tagen? Weißt du das? Berliner Polizisten habe hier überall über 20.000 Juden erschossen, in nur drei Tagen! Kinder, Frauen, hier überall. Es waren Berliner Polizisten. Konsequente Polizisten. “

Wieder hält er inne, murmelt so etwas wie ein Gebet vor sich hin. Er wirkt tief betroffen, irgendwie wahrhaftig, als wäre sonst alles, über das wir reden, nur ein schlechter Witz. Plötzlich erfaßt ihn eine Art Wut: „Ich hasse Konsequenz. Konsequente töten. Ja, ich habe ein paar Bücher und Photos machen lassen, auch du interviewst mich jetzt, bringst mich an die Öffentlichkeit. Das ist alles inkonsequent mit meiner Arbeit, meiner Philosophie und Poesie, das ist alles so etwas von unlogisch. Und diese Unlogik hat mir schon mein Professor Marc St. Arc an der Pan von Krator Universität Moskau mit allen Mitteln austreiben wollen. Die Unlogik. Und Mitteln hatte er wahrhaftig genug gehabt. Die habe ich seit damals!“

Arseni Vukov deutet seine weiße Haarpracht. „Und hätte ich sie nicht seit damals, dann hätte ich sie bekommen, wenn ich das erste Mal hierher, in diese Stadt gekommen wäre. Hier, in dieser Grausamkeit! Schau wie schön es hier ist! Einer der schönsten Orte weltweit! Und dann die Realität, die Toten… die Toten…“

„Ich bin für die Unlogik, verstehtst du? Chirico hat in seiner Malerei aus
der Arkaden-Periode den leeren Raum mit ziemlich voller Zeit gefüllt. Verstehst du? Mit
ziemlich voller Zeit! Absoluter Nonsens, aber unlogisch, gut, wirklich gut! Und niemand
stirbt! Verstehst du?“

Der Bildhauer hält inne, denkt… „Homo ludens muss man sein! Ein
verspielter Mensch! Einer, der den Eiffelturm sprengen will, weil ihm die Beleuchtung beim Einschlafen stört! Und statt zu sprengen, lagert er für immer den Sprengstoff im
Kleiderkasten, verstehst du? Das hat Gilles Ivain gemacht. Nur das Umherirren verhindert das Schlimmste! Gilles Ivain hat das gewußt, die Dérive, das Abschweifen erfunden. Er ist nur mehr umher geirrt, ewig… Dann haben sie ihn gefangen. Und was wollte er? Er wollte die Psychiatrie, wo man ihn mit Elektroschocks behandelt hat, in ein riesiges Kabarett verwandeln. Verstehst du? Und dann gibt es einen umfangreichen Nachlaß von ihm, Tausende vollgeschriebene Seiten, die jedoch niemand, nicht einmal ich, entziffern kann.

Wozu hat er das alles geschrieben, wenn es nie gelesen werden kann? Wozu? Das ist alles so unlogisch! So ein wundervolles Spiel! Schau, meine Hände sind noch ganz gelb vom Ziegelstaub.“

60 Meter über dem Ufer des Smotrytsch stört keine Beleuchtung, ich könnte
sofort einschlafen. Statt grellem Eiffelturm gibt es nur dunkle Kirchtürme, die Dunkelheit eines Lokals, das bald schließt. Bevor Arseni Vukov den armenischen Schnaps bestellt, klopft er mir noch auf die Schulter und lacht. "Hier in Kamjanez-Podilskyj werde ich, wenn die Schlucht mit Denkmälern für Vaida Voivod III. und die Ermordeten zugeschüttet ist, Gilles Ivains urbanistische Vision, die nichts anderes ist als Landart mit Nischen fürs Leben, umsetzen. Hier wird New Babylon entstehen! Die Viertel werden den verschiedenen Gefühlen entsprechen, die man zufällig im Leben antrifft. Ein eigenartiges Viertel, ein glückliches, in dem man dann wohnen sollte, ein edles, tragisches Viertel (für die braven Kinder), ein historisches (Museum, Schulen), ein nützliches (Krankenhaus, nützliche Geschäfte) und ein düsteres Viertel usw. Dann gibt es einen „Sternengarten“, in dem man die Pflanzenarten in Bezug auf den Rhythmus des Universums pflanzt, gruppiert, eine Art Planetengarten, vergleichbar mit dem, den der Astronom Oswald Thomas am Laaerberg errichtet hat! Ja, genau der Betonfleck hinter der Kirche von Wotruba. Wotruba… Kirche…“
Arseni Vukov hält murmelnd wieder einmal kurz inne, wirkt konzentriert fassungslos,
schüttelt den Kopf und sagt: „Die Österreicher werde ich nie verstehen!“

Nachdem die armenische Suppe verzehrt ist, bringt mich der Bildhauer in einer vierstündigen Autofahrt zum nächsten Bahnhof, von dem aus ein Zug nach Wien fahren soll. Es ist ein sehr kleiner Bahnhof, kein Mensch ist weit und breit zu sehen und er läßt mich zurück, um selbst weiter nach Finnland zu fahren. Es ist Nacht und eine seltene Art von Mücke, die Dnjepr-Fliege, zeigt in den folgenden Stunden, da ich am Bahnsteig warte, kein Erbarmen mit mir. Ich öffne ein Paket, dass mir Arseni kurz vor meinem Aussteigen gegeben hat, es enthält Lajos Kassáks Erinnerungen aus seiner Vagabunden-Zeit.

Das Buch beginnt mit dem Satz „Das Leben des Menschen will sich runden.“

Die Sonne geht langsam auf, ich schaue mich am Bahnhof um und erkenne, dass er kein Dach hat und, dass auf manchen Gleisen kleine, Hinkelsteine stehen, die aussehen, als hätte sie Obelix von Carnac hierher in die westliche Ukraine geschleppt. Ich setze mich auf die einzige Bank und lese und lese und lese… Einige Stunden
später lese ich den letzten Satz in Kassáks Buch: „Ich war allein. Die Funken der Lokomotive flogen an meinem Fenster vorüber, ich reiste in einem verzauberten Wagen auf dem Grunde des Meeres.“

Keine Funken, kein verzauberter Wagen waren weit und breit zu sehen, nur im
Buch, gleich nach dem letzten Punkt der Erzählung, eine mit Bleistift geschrieben Notiz oder war es eine Botschaft Arseni Vukovs: „Machs dir gemütlich!“

 

2018 Alexander Emanuely

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